Im Januar1954
erblickte ich das Licht der Welt.
Für meine Eltern,
schon weit über die vierzig, war es ein Desaster. Verhütung wurde noch klein
geschrieben und Abtreibung war ja noch verboten, auch wenn meine Mutter nie
einen Gedanken daran verschwendet hätte.
Ich wuchs zusammen
mit meiner Schwester und zwei Brüdern in einem kleinen Dorf auf. Ein
richtiges Spielen oder gemeinsame Unternehmungen gab es kaum, der
Altersunterschied war einfach zu groß.
Ich war eben nur der
Kleine.
Für meinen Vater
zählte nur der Älteste, der Rest, besonders mein anderer Bruder war eher ein
Klotz am Bein. Die Mutter, für die ich das Nesthäkchen war, musste oft dafür
büßen, wenn der Vater betrunken nach hause kam. In seinem Hass und seiner
Eifersucht auf alles und jeden, hat er meine Mutter oft geschlagen.
Heute kann ich
sagen, dass der Hass und die Wut auf meinen Vater, Gott sei Dank
Vergangenheit sind und womöglich auch verarbeitet wurden. Ich denke heute,
dass mein Vater bis zu seinem Tod, nie richtig mit seinen schlimmen
Erlebnissen und auch dem Verlust eines Beines im Krieg, fertig geworden ist.
1960 wurde ich
eingeschult, zwei Klassenräume für neun Schuljahre.
Meinen ersten
Kontakt zum Alkohol hatte ich mit ca. sieben Jahren. Zwei 18 Jährige hatten
sich einen Spaß gemacht. Sie nahmen Mich und einen Freund mit zu sich nach
Hause, lockten uns mit einem tollen Film im Fernsehen (wir hatten noch kein
Gerät) und einer süß schmeckenden Limonade (Eckes Edel Kirsch). Wir durften
die ganze Flasche austrinken.
Meine erste
Alkoholvergiftung.
Der Arzt erstattete
Anzeige und die Beiden durften später 14 Wochenenden in einem Altersheim
Dienst verrichten.
Nach der Schule
begann ich eine Lehre als Installateur. Die Ehe meiner Eltern wurde zu
dieser Zeit geschieden, meine Schwester und der älteste Bruder heirateten.
somit waren wir nur
noch zu Dritt und zogen in eine Kleinstadt um.
Unsere Mutter ließ
uns, ich glaube um einiges bei uns vergessen zu machen, sehr viele
Freiheiten. So blieb es nicht aus, dass ich mit anderen Jungs auch schon mal
das eine oder andere Bier nicht stehen ließ.
Gegen Ende der
Lehrzeit war es so, dass sich der harte Kern der Gruppe, abends fast täglich
traf. Zu den üblichen Bierchen, trank ich dann auch noch den ein oder
anderen Schnaps.
Ich war stolz unter
den Letzten zu sein, nicht wie die Weicheier, die schon nach dem dritten
Bier auf Limonade umstiegen.
Nun, so dachte ich,
war es an der Zeit das heimische Nest zu verlassen.
Ich fand in Gießen
eine passende Arbeitsstelle und ein Zimmer in einer Studenten WG.
Schon während der
Arbeitszeit floss der Alkohol reichlich und abends, was soll man auch
alleine auf der Bude rumhängen, ging es ab in die Kneipe. Schnell lernte ich
die richtigen Leute kennen, die genau wie ich, ihr Geld da anlegten, wo die
Prozente sofort ausgezahlt wurden.
Die Freundinnen die
man kennen lernte, wie sollte es auch anders sein, stammten alle aus dem
Kreis in dem man sich bewegte. Weltoffen und trinkfest.
Nach ca. 2 Jahren
verstarb der Eigentümer der Firma wo ich arbeitete. Mit dem neuen Besitzer
konnte ich nicht auskommen. Alkohol während der Arbeitszeit war auf einmal
verboten und ich durfte, weil ich das ja nicht einsah, so einige Male bei
ihm antanzen, bis ich dann letztendlich meine Kündigung bekam.
Entlassen, sperre
vom Arbeitsamt, kein Geld, Ärger in der WG.
Der Ausweg war,
zurück zu Muttern.
Nun kamen aber auch
hier die ersten Ermahnungen: „Trink nicht so viel“. “ Wenn du so weiter
machst…...“ usw.
Es war doch alles
völlig in Ordnung, ich hatte wieder Arbeit und was ist schon dabei, wenn man
ab und zu mal einen trinkt. Das machten doch alle die ich kannte.
1978 lernte ich
meine erste Frau kennen. Ein Jahr später heirateten wir und die Ehe wurde
wiederum ein Jahr später geschieden. Wir passten einfach nicht zusammen. Sie
zog zu ihren Eltern zurück und ich blieb in unserer gemeinsamen Wohnung in
Kassel. Mein Trinkverhalten hatte sich in dieser Zeit in so weit verändert,
dass ich nun täglich fast eine Flasche Weinbrand in mich hineinschüttete.
Schon während meiner
ersten Ehe hatte ich meine heutige Frau kennen gelernt. Wir zogen in eine
gemeinsame Wohnung, waren glücklich zusammen und sie sah anfangs auch noch
keine Gefahr in meinem Umgang mit Alkohol.
Wir wollten einen
gemeinsamen Neuanfang und zogen auf ein kleines Dorf außerhalb. Über ein
Jahr haben wir dort gewohnt und in dieser Zeit hatte ich nicht einen Tropfen
getrunken. Eine halbe Kiste Bier, die noch vom Einzug herumstand, musste ich
wegschütten, weil es trüb geworden war.
Da unsere Wohnung
feucht war, konnten wir dort nicht wohnen bleiben und so sind wir wieder
nach Kassel gezogen und hier begann das alte Leid von Neuem.
Es verging nun fast
kein Tag, wo nicht ein Kneipenbesuch angesagt war und Zuhause wurde dann
noch Einer draufgesetzt.
Immer wieder mussten
wir Tiefschläge hinnehmen.
Besonders schlimm
waren die Jahren 1985/86, meine Schwiegermutter starb, ein halbes Jahr
später mein Bruder (Alkoholiker), und wieder ein halbes Jahr darauf, wurde
mir meine Mutter durch einen Herzinfarkt genommen.
1986 heirateten wir
in dem Glauben, damit die Welle des Todes unterbrechen zu können.
Schon als mein
Bruder durch den Alkohol starb, hätte ich mir über mein eigenes
Trinkverhalten Gedanken machen müssen, doch es sollten noch einige Jahre
vergehen.
Auch in den nun
folgenden Jahren, ich arbeitete inzwischen bei einem großen Konzern und war
im Außendienst dafür verantwortlich, dass die ca. 20 Monteure, die mir
unterstanden, sowie deren Servicefahrzeuge, auch gut ausgelastet waren.
Tagsüber trank ich
keinen Tropfen, ich musste ja Auto fahren und Kunden besuchen. Über
Restalkohol hatte ich mir nie Gedanken gemacht.
Morgens bei unseren
täglichen Besprechungen hörte ich jedoch öfter "hier hat aber wieder einer
eine Fahne" oftmals kam dann von mir: Geburtstagsfeier..., überraschender
Besuch...., oder sonstige Ausreden.
Hier hätte ich alt
werden können, jedoch gab es in der Konzernleitung ein Managerwechsel.
Unsere Niederlassung wurde aufgelöst und sollte nun von Hannover, Erfurt und
Frankfurt aus betreut werden. Resonanz, Änderungsvertrag zu einer anderen
Niederlassung, oder Auflösungsvertrag.
Da meine Frau als
Beamtin nicht so einfach mitgehen konnte, gab es also nur die zweite
Variante. Ich entschied mich für die Abfindung, die weit höher ausfiel, als
mir gesetzlich zugestanden hätte.
Da ich ja nun
arbeitslos war, bot sich mir die Chance der Selbstständigkeit. Ich übernahm
einen Kiosk und einen kleinen Lebensmittelladen, den ich aber schnell in
einen recht gut laufenden Getränkemarkt umwandelte.
Von nun an waren
täglich 13 bis 15 Stunden angesagt, auch an den Wochenenden, da war ja auch
der Kiosk.
Für mich bedeutete
dies jedoch der Anfang vom Ende.
Der tägliche Stress,
Kunden die einen auch tagsüber dazu überredeten, na einen kannst du doch
auch mal. Anfangs machte ich das auch mit, doch mit der Zeit merkte ich,
dass die anderen Kunden immer wieder die Nase rümpften.
Von einem auf den
anderen Tag lehnte ich es ab mit den anderen im Laden zu trinken.
Verwunderung so weit man sah.
Nein,
ich hatte nicht aufgehört zu trinken.
Ich war nur
erfindungsreicher als die anderen und fing an, mir eine 0,5 L Flasche Volvic
mit Wodka abzufüllen und lebte von nun an für die anderen gesund.
Da mein Körper
bereits diese Mengen Alkohol gewohnt war, machte mir das Sprechen auch keine
Schwierigkeiten. Mit der Zeit jedoch steigerte sich der Konsum immer mehr,
zum Schluss war ich soweit, dass ich auch nachts heimlich aufstand, in den
Laden ging, einen Flachmann auf die Schnelle und einen in die Strümpfe damit
es nicht auffällt, (Frau ist ja blind) und wieder ins Bett.
Wachte meine Frau
jedoch mal auf, hatte ich immer die Ausrede "der Hund musste raus".
Da die
Ermüdungserscheinungen von meinem Körper immer stärker und die Abstände
immer kürzer wurden, änderte ich kurzerhand die Öffnungszeiten und die Welt
war wieder in Ordnung.
Meine Frau gab es
mit der Zeit auf, mich zu ermahnen und wir lebten nur noch nebeneinander
her. Sie litt sehr darunter, aber ich wollte und konnte es nicht sehen.
Eines Sonntag
Morgen, ich war im Wohnzimmer, wie immer meine Literflasche Wodka vor mir,
schrie sie mich an und entriss mir die Flasche. Auf meinen aggressiven
Widerstand jedoch stellte sie die Flasche zurück und sagte nur "Dann Sauf
dich doch zu Tode."
Sicher, ich trank an
diesem Tag und auch an den folgenden weiter, der Spruch ging mir jedoch
nicht aus dem Kopf.
Fast zwei Wochen
später, meine Frau war zur Arbeit, ging ich in den Laden und wie gewohnt
nahm ich erst mal einen Flachmann als Starthilfe.
Die erste Kundin
fragte mich, was heute mit mir los sei und verlies das Geschäft.
Ich verstand die
Welt nicht mehr. Stand denn jetzt alles Kopf?
Nach ihr verschloss
ich die Ladentür, ging zu meinem Schreibtisch und fing an bitterlich zu
weinen.
Ich trank noch einen
um mich zu beruhigen, schrieb einen großen Zettel.
"Wegen Krankheit
geschlossen"
Mein Entschluss
stand urplötzlich fest. So geht es nicht weiter.
Ich habe mir ein
Taxi gerufen und mich in die Klinik zur Entgiftung fahren lassen. Da ich
noch keine Entzugserscheinungen hatte, rief ich von dort meine Frau bei der
Arbeit an und bat sie, mir nach Dienstende eine Tasche mit meinen Sachen
vorbei zu bringen.
Das war im Dezember
2001.
Mit den besten
Vorsätzen kam ich nach 14 Tagen nach Hause. Montags darauf ging ich ins
Geschäft und hing mein Schild „ Wegen Krankheit geschlossen“ wieder ab.
Der Alltag hatte
mich wieder. Meine Probleme zu bewältigen hatte ich in der Entgiftung nicht
gelernt. So prasselte alles wieder auf mich ein, die Bestellung der Waren,
Kunden bedienen, Rechnungen schreiben, Lieferanten bezahlen, Buchführung
fertig machen, Getränke ausfahren. Kann mir meine Frau nach der Arbeit noch
helfen?
Tausend Gründe um
wieder mit dem Trinken anzufangen, weil einem die Probleme über den Kopf
wachsen. Es ging ein paar Wochen gut und alles war beim Alten.
So kam die 2. und im
Dezember 2002 die 3. Entgiftung.
Mitte des Jahres
2002 überlegten wir bereits den Getränkemarkt zu schließen und einen
Nachmieter zu suchen. Alle Versuche schlugen fehl. Es fand sich einfach kein
Nachmieter und so versuchte ich weiter zu machen. Im Dezember ging ich zum
dritten Mal ins Krankenhaus.
Diesmal jedoch wurde
schon während meines Klinik Aufenthalts, zusammen mit Freunden aus der
Selbsthilfegruppe - die ich seit meiner zweiten Entgiftung regelmäßig
besuche - und einem Suchtberater des Diakonischen Werk, die Anträge zu einer
Stationären Therapie gestellt.
Bis zu meiner
Entlassung aus der Entgiftung am 23.12.2002 hatte meine Frau bereits mein
Gewerbe abgemeldet und bis Mitte Januar war die Auflösung des Ladens
abgeschlossen.
An dieser Stelle ein
Dankeschön an die meisten meiner Lieferanten die aufgrund der Situation
bereit waren, mir den Grossteil meines Warenbestandes zurückzunehmen. Den
Rest, wie Zapfanlagen, Regale, Zigarettenautomat und sonstige
Einrichtungsgegenstände, konnte ich gut im Internet versteigern.
Am 22. Februar kam
endlich der lang ersehnte und doch mit Angst erwartete Anruf, dass
kurzfristig ein Therapieplatz für mich freigeworden sei und ich schon am 25.
Februar einrücken sollte. Da ich ja ohne Arbeit war und auch sonst keine
Verpflichtungen hatte und meine Frau froh war, dass endlich etwas geschieht,
rückte ich also am 25. Feb. 2002 ein und befand mich nun für vier Monate in
der "Fachklinik Fürstenwald". -- mehr unter "meine Therapie" --
Nach meiner Therapie
begann für mich eine Ambulante Nachsorge für ca. 100 Stunden, bei der
Diakonie, sowie einmal wöchentlich wie schon erwähnt, die Selbsthilfegruppe.
Da ich ja zuletzt
selbstständig war hatte ich kein Anrecht auf Arbeitslosengeld, und meine
Beiträge zur Krankenkasse musste ich auch selbst entrichten.
Im Juni 2003 fand
ich endlich eine Teilzeitanstellung bei einem Sicherheitsunternehmen. Es war
zwar nicht das was ich mir für den Rest meines Lebens vorgestellt hatte,
aber immerhin Arbeit.
Es lief ja soweit
auch ganz gut. Bis zum 20.Januar 2004. Morgens um 6:45 Uhr wollte ich meine
Frau zum Dienst fahren, doch ich hatte, nachdem ich selbst erst um 0:50 von
der Arbeit gekommen war, verschlafen und meine Frau nahm den Bus. Ich selbst
erwachte ca. eine Stunde später.
Das übliche Ritual
begann: Hunde raus lassen, Frühstücken, E-Mail abrufen...
Als ich nun am PC
mit der Maus scrollen wollte merkte ich, dass mir mein Zeigefinger nicht
gehorchte. Ich schaute auf meine Hand und in Gedanken sagte ich " du gehörst
mir, du musst gehorchen." Nicht nur der Finger, nicht nur die Hand, sondern
die ganze rechte Körperseite gehorchte mir nicht mehr.
Alles in mir ging
auf Alarmstufe rot und schrie "SCHLAGANFALL". Kannte ich doch die Symptome
von meiner Mutter.
Ich wusste, dass ich
so schnell als möglich zum Arzt musste, nur raus aus der Wohnung, wo ich ja
alleine war und meine Frau erst am Nachmittag kommen würde.
Wie ich es geschafft
habe bis zum Auto zu kommen, kann ich bis heute nicht sagen, ich muss am
Auto gestanden haben als sei ich total Betrunken. Eine ehemalige Kundin sah
mich und fragte was mit mir los sei und ich antwortete mit schiefem Gesicht
" Ich glaub ich hab einen Schlaganfall". Von nun an ging alles sehr schnell.
Handy - Rettungswagen - Krankenhaus.
Noch während ich im
Krankenwagen versorgt wurde tauchte meine Frau auf, man hatte auch sie
informiert, über mein Handy? Unter Tränen begleitete sie mich in die
Klinik.
Ich kann heute
sagen, dass ich auch hier einen Schutzengel hatte.
Meine Arbeitsstelle
war ich allerdings wieder los. Trotzdem, dass ich noch im Krankenwagen
darauf bestanden hatte, die Firma zu informieren, was mit mir los sei, um
einen Ersatz besorgen zu können.
Am 23.Januar 2003,
pünktlich zu meinem fünfzigsten Geburtstag kam die Kündigung. - Ich befand
mich noch für drei Wochen in der sechsmonatigen Probezeit. -Leider-
Hier begann für
meine Frau und mich eine Prüfung der wir nur mit Mühe standhalten konnten.
Einseitig behindert, dadurch extrem ungeduldig - keiner versteht mich und
kann mir helfen - Hätte meine Frau nicht, wie schon so oft, so stark zu mir
gestanden wäre es sicherlich zu einem Rückfall gekommen. Doch auch diese
Prüfung ging vorüber und es ging wieder bergauf.
Nach fünf Monaten
war ich soweit genesen, dass ich meine Stelle bei der Sicherheitsfirma
wieder zurück bekam und für leichte Tätigkeiten eingesetzt werden konnte.
Heute bin ich fast
total wieder hergestellt. Bis zu meinem Lebensende werde ich zwar
Medikamente einnehmen müssen, aber was sind schon Medikamente, wenn man
bedenkt, dass es auch eine lebenslange Behinderung hätte sein können.
Von April 2006 bis
zum Februar 2007 besuchte ich erfolgreich einen Lehrgang für die Ausbildung
zum freiwilligen Suchthelfer, der vom Diakonischen Werk in Kurhessen Waldeck
in Kooperation mit den Freundeskreisen der Sprengel Hersfeld, Kassel und
Marburg sowie verschiedenen Suchtberatungsstellen der Diakonischen Werke
angeboten wurde.
Ich hoffe dadurch,
andere Betroffene und deren Angehörige noch besser verstehen und sie auf
ihrem Weg in eine "zufriedene Abstinenz" unterstützen zu können.
Ich möchte, das was
mir an Hilfe zur Selbsthilfe gegeben wurde, freudig und ehrlich an jeden der
diese Hilfe annehmen möchte weitergeben.
Ich denke darin eine
Aufgabe gefunden zu haben, die auch meine Abstinenz festigen und stärken
kann.